Ich glaube an das Gute, an das Wahre, an das Schöne.
Mir geht das Herz auf, wenn ich an die Schule denke. An das technische Gymnasium, auf dem ich mit vierundzwanzig nochmal beschloss, mein Abitur nachzuholen. Viel zu alt – eigentlich – um noch einmal von vorn zu beginnen, sich einzugestehen, bis hierhin vieles falsch gemacht zu haben. Und doch war es wie ein nach-Hause-kommen, wie der erste Sonnenstrahl, der mich auf der Nase kitzelt, nachdem es viel zu lange geregnet hat.
Mir wurde dort mit soviel Herzenswärme begegnet, ich wurde mit Worten umarmt, ich wurde verstanden. Von einer Lehrerin, die nachts mit einem Nachtsichtgerät die Igel in ihrem Garten beobachtet und einen Freund hat, der mit vierzig noch einmal ein Studium begann. Von einem Lehrer, der meinen Roman über das Haarp-Projekt lesen wollte und nie müde wurde, mit mir über die wunderbaren Wunder der Welt zu sprechen und der mir auf die Frage: “Woran glauben Sie?” die Antwort gab:
“Ich glaube an das Gute, an das Wahre, an das Schöne” und der mich damit so sehr inspiriert und geprägt hat.
Ein Lehrer, der aus mir alle Kraftreserven heraus kitzelte, indem er die Kämpferin in mir ansprach. Mit dem ich mich so oft so laut und energisch stritt, dass alle Abstand nahmen. Doch nur wir beide wussten im Herzen, dass wir einander lieb gewonnen hatten, dass dieser Streit nichts als pseudo intellektuelles Geplänkel, ein Schubsen mit Worten unter Freunden war (und deren Freundin mir nicht nur eine Eins in Französisch, sondern auch eine Menge wundervoller Backrezepte und herrliche Frauen-kicher-Momente mit auf dem Weg gab).
Ich denke an eine Lehrerin, die mir voller Liebe erzählte, wie sie nächtelang mit einem Baby auf der Brust im Schaukelstuhl saß und mich in ihrer warmen, liebevollen Art nur darin bestärkte, dass ich es richtig mache, so wie ich es mit meinem Sohn mache. Ich denke an einen Lehrer, der schon lange keinen Bezug mehr zu seinen Schülern hatte und den ich zum ersten mal hab lachen sehen, als ich ihm voller Sorge und Nervösität erzählte, schwanger zu sein und trotzdem vorhatte, mein Abitur wie geplant zu machen. Wie er die Hände hinter dem Kopf verschrenkte, den Blick nach draußen schweifen ließ und sagte: “Das ist großartig! Das ist einfach großartig, dass wir im Leben nichts planen können!”
Ich denke an einen Klassenkameraden, der mir zu einem engen Freund und Vertrauter geworden war. An jemanden, der mir eines Morgens einen Schwan aus Papier gefaltet hat und den ich in meiner Kiste aufbewahrt habe. In meiner Kiste der Erinnerungen. An jemanden, den ich und der mich ohne große Worte verstand. An jemanden, der den Rücken und die Schultern gerade hielt, als er vor der Klasse sagte: “Für mich ist das wichtigste in dieser Welt die Wahrheit.” Und der daran glaubte.
Ich hatte viel Glück, denke ich. Ich war die einzige Frau in dieser Klasse und die Jungs haben mich genommen, wie ich war. Sie haben auch die Umstände, in denen ich schwanger geworden war, genommen, wie sie waren. Dafür bin ich unendlich dankbar. Ich bin dankbar dafür, dass die Lehrer etwas in mir sahen, das ich selber lange nicht gesehen habe. Es gab viele, die genervt waren von mir, schrecklich genervt. Von meinen ständigen “Neins”, von meiner Energie, von den ständigen und immer wiederkehrenden Widersprüchen, die ich auf Teufel komm raus nicht sein lassen konnte. Und es gab Menschen, die mich geschätzt haben. Die Wert gelegt haben auf das, was ich gesagt habe.
Als ich meiner Mathematik Lehrerin sagte, dass ich Mathematik studieren will, sagte sie nur schulterzuckend:
“Ja, das traue ich dir zu. Ich habe schon gewusst, dass du Biss hast, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe.” Mir hat das sehr viel bedeutet. Denn wenn man selber gerade das Gefühl hat, nicht weiter zu wissen, kraftlos zu sein und dann jemand kommt, dir gerade heraus in dein Gesicht schaut und dir zu verstehen gibt, an dich zu glauben, in dir den Menschen zu sehen, als den “Gott dich gemeint hat”., dann ist das ein Geschenk. Ein sehr sehr großes Geschenk.
Die Leser, die mich schon seit Jahren lesen, dürften diese Schul-Geschichte von mir eh schon kennen und haben wahrscheinlich eh schon lange weggeklickt. Ich aber musste sie jetzt noch einmal aufwärmen, jetzt, wo ich den Platz im Kindergarten der Universität bekommen habe, weil ich mich so sehr auf das Studium freue. Schon die Beratungsgespräche für Mamas waren wundervoll: Es gab nur Fair-Trade-Kaffee, Menschen, die sich vom ersten Augenblick an wie Freunde benahmen. Da waren Räume voll Werte und Ideale, voll von Wissen und Bildung, voll von all diesen Schätzen, die die Menschheit so reich macht, die für mich den wahren Reichtum dieser Welt bedeuten. Gebäude voller Menschen, die an eine bessere Welt glauben und für sie kämpfen, die für ihre Meinungen einstehen und die ihren Kindern Verantwortung in einer ganz großen Tragweite beibringen möchten. Menschen, die nicht resigniert, nicht aufgegeben haben.
Wenn ich sehe, wie glücklich mein Sohn jeden Tag ist, wie er lacht und giggelt und wie sich diese übersprudelnde Freude in seinen Augen spiegelt dann denke ich oft: Das möchte ich ihm bewahren. Wenn ich sehe, wie konzentriert er sich über seine Tafel beugt und mit vorgeschobener Zunge Striche malt, als wollte er etwas unsagbar wichtiges kommunizieren, muss ich immer die Luft anhalten ob der Verantwortung, die wir Eltern in uns tragen. Es ist mir egal, was Wissenschaften und Statistiken darüber sagen, ich glaube gefühlsmäßig, dass wir Eltern es sind, die über das Leben unserer Kinder in einem weitreichenden Maße entscheiden. Mein Vater nannte das “den grünen Kern” eines jeden Menschen. Ich wünschte, ich könnte das näher ausführen, aber dieser grüne Kern ist etwas, das ich einfach mit dem Herzen sehe. Und ich glaube, dass dieser grüner Kern in jedem einzelnen Menschen steckt. Dieser Kern ist wie ein blauer Himmel, vor dem ein graues Wolkenmeer schwimmt. Manchmal mögen Wolken, Schnee und Regen den Himmel verdecken, aber er ist immer da. Er wird immer da sein. Ich möchte für meinen Sohn der Wind sein, der all diese Wolken beiseite pustet, damit er klar sehen kann.
Ich freue mich so sehr auf das Studium, weil ich so sehr an das “Gute, an das Wahre und an das Schöne” glaube. Wir Menschen wurden mit dem Bewusstsein so reich beschenkt, so reich. Wir können uns selbst und unserem Glück bewusst sein. Wir können in den blauen Himmel sehen und es genießen, weil wir uns diesem Augenblick bewusst sind. Wir können unsere Nase in diese duftende Halsbeuge unseres Babys stecken und die Augen schließen, weil wir wissen, dass wir diesen Moment für später konservieren, für dann, wenn unsere Söhne und unsere Töchter zwanzig sind, aus dem Haus gehen und ihre Gesichter gen Sonne strecken, um eigene Wege zu gehen. Mit einem grünen Kern. Denn einen grünen Kern zu haben, bedeutet, geliebt zu werden. Wahrhaftig und wirklich geliebt.
Ich könnte ewig so weiter palavern, mich ewig noch weiter so wichtig zu machen. Aber wo kämen wir denn da hin? Ich bin glücklich und dankbar. Das wollte ich mit diesem ewigen und sinnlosen Post sagen. Glücklich und dankbar. Dass alles so ist, wie es ist. Und dass wir hier und da kleine Elfen und Kobolde an der Seite haben, die uns einen Platz im Uni-Kindergarten bescheren, wo doch die Warteliste so lang gewesen sein soll. Und dankbar für die Momente, wenn gute Musik aus den Boxen unserer Wohnung dröhnt, mein kleiner Sohn angelaufen kommt und mit einem strahlenden Lächeln die Ärmchen hebt, damit ich ihn hochhebe, er sein Köpfchen auf meine Schulter legen und seine Arme um meinen Hals schlingen kann und ich ihm etwas ins Ohr singe, während wir gemeinsam mit geschlossenen Augen durch die Wohnung tanzen. Diese Momente nämlich sind, als gewährte mir das Leben einen winzigen Augenblick lang, durch ein Schlüsselloch direkt in das Universum zu schauen. Und es sieht wahrhaftig wundervoll da draußen aus.






